Fachtagung “Toxic Legacies – Agent Orange as a Challenge” an der Evang. Akademie Tutzing

von Felix Klickermann

Auf der dreitägigen Konferenz (28. bis 30. Juni 2015) am Starnberger See waren insgesamt 19 Redebeiträge zu hören. Im Folgenden ein kleiner Abriss:

Nach der Eröffnung der Veranstaltung durch Dr. Martin Held von der Akademie stellte Prof. Dr. Christof Mauch das Rachel Carson Center for Environment and Society (RCC) vor, dessen Direktor er ist. Das RCC war maßgeblich an der Organisation der Konferenz beteiligt.

Es folgte Prof. Dr. Gary Machlis von der University of Idaho. Er ist Herausgeber des Buches “Warfare Ecology - A New Synthesis for Peace and Security”. Machlis bemängelte, dass es keine wissenschaftliche Fachrichtung gebe, die sich mit den ökologischen Folgen der Kriegführung beschäftigt. Gleichzeitig hob er die Relevanz wissenschaftlicher Aufmerksamkeit zur effektiven Durchsetzung internationaler Konventionen hervor.

Die Historikerin Prof. Dr. Michelle Mart von der Pennsylvania State University hielt einen Vortrag über den Pestizideinsatz in den USA seit 1945. Dabei konzentrierte sie sich vor allem auf die Geschichte des in den 70er Jahren verbotenen Insektizids DDT, über das anfangs Enthusiasmus in der Gesellschaft herrschte. Laut Mart zeigte sich die Presse kaum skeptisch gegenüber DDT, während der in den 50er Jahren geläufige Werbeslogan “DDT is good for me-e-e!” sich in die Köpfe der Bevölkerung einbrannte. Zu den wenigen kritischen Publikationen über das Pestizid gehörte damals “Silent Spring” (1962) von Rachel Carson.

Auf Mart folgte Prof. Dr. Amy Hay von der University of Texas-PanAmerican mit einem Beitrag zur Diskussion über Agent Orange in den USA der 60er Jahre. Auf der Konferenz beschrieb Hay Agent Orange aus chemischer Sicht als exzellenten Pflanzenkiller, da es die befallene Pflanze komplett abtötet. Dann fokussierte Hay den Widerstand in der Wissenschaft gegen den US-Herbizideinsatz. Sie nannte u.a. den Chemiker Arthur Galston, der ab 1967 über die Operation Ranch Hand publizierte und sie als “Ökozid in Indochina” bezeichnete.

Danach hielt Dr. Charles Bailey vom Aspen Institute einen Vortrag über das ‘Agent Orange in Vietnam Program’. Dieses hat bis 2015 etwa 115 Millionen Dollar von der US-Regierung zur Reinigung von kontaminierten Böden und zur Unterstützung von Menschen mit Behinderung in Südvietnam mobilisiert. Bis 2020 sollen die Hotspots in Bien Hoa, Da Nang und Phu Cat so vollständig gereinigt werden. Die verbleibenden 25 Hotspots soll das vietnamesische Militär dekontaminieren. Im US-Senat setze sich insbesondere Senator Patrick Leahy für das Programm ein, soBailey.

Heather A. Bowser aus Ohio trat als einziges Agent Orange-Opfer auf der Konferenz auf. Gemeinsam mit anderen Betroffenen gründete sie die Children of Vietnam Veterans Health Alliance (COVVHA). Die Organisation ist seit ihrer Gründung 2012 auf 3000 Mitglieder angewachsen. Zu den an die US-Regierung gerichteten Forderungen der COVVHA gehören eine groß angelegte medizinische Untersuchung über die Gesundheitsschäden von Kindern betroffener US-Veteranen sowie eine medizinische Betreuung der erkrankten Kinder von betroffenen Veteranen.

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Heather A.Bowser, Agent-Orange-Opfer

Rosemarie Höhn-Mizo und Prof. Matthias Leupold traten gemeinsam auf die Bühne. Höhn-Mizo reiste mit ihren Vereinsmitgliedern Rainer Hub und Birgit Breidenbach an. Vor dem Konferenzsaal stellte das Team zuvor einen großen Infostand zum Dorf der Freundschaft auf. Höhn-Mizo sprach von ihrem Mann George Mizo und der Gründung des Dorfes der Freundschaft. Prof. Matthias Leupold beschrieb kurz die Entstehung des Filmes ‘Lighter Than Orange’, der dann vorgeführt wurde.

In einem großen Panel diskutierten mehrere Rechtswissenschaftler über Agent Orange. Das Panel wurde von dem US-Juristen Kenneth Feinberg geleitet. Christian Lahnstein (Munich RE) bezeichnete die bisherigen Lösungen in Entschädigungsfällen seit 1945 – etwa in Form von Fonds – als unzureichend. Wie im Falle von Agent Orange zeige sich für ihn, dass der rechtliche Punkt der Kausalität manchmal ein K.O.-Kriterium (“deal- breaker”) sein könne. Den Punkt der Kausalität führte auch Feinberg aus. Er beschrieb die wissenschaftliche Unklarheit und die Schwierigkeit der Kausalitätserbringung im Agent Orange-Fall als “Dilemma”. So kam man 1984 nach jahrelangem Rechtsstreit zwischen US-Veteranen und Agent Orange Herstellern nur durch die Unterstellung einer Kausalität für den Kollektivschaden zu einem Ergebnis. Damals entstand der so genannte “Agent Orange Settlement Fund”. Prof. Dr. Harald Koch (Humboldt Universität) sagte später dagegen zur Kausalität, dass man die Anforderungen an das Beweismaß auch anders sehen kann.

Bei der Konferenz ist es gelungen, unterschiedlichste Wissenschaftler und Akteure zusammenzubringen. Sichtbar ist im Nachhinein, dass neue Verbindungen und Kräfte zur weiteren Arbeit am Thema Agent Orange entstanden sind. So planen die beteiligten Juristen derzeit eine rechtliche Publikation zu dem Haftungskomplex. Bereits bestehende Kooperationen wurden vertieft. So arbeiten die Unterstützer des Dorfs der Freundschaft und daran angebundene Projekte enger zusammen als zuvor. Hier gibt es neue, sich stetig verdichtende Planungen zu Ausbildungsmöglichkeiten für die Dorfbewohner.

(gekürzte Fassung - den ausführlichen Bericht finden Sie hier.)

Der Autor hat während eines Freiwilligen Sozialen Jahres im Dorf mitgearbeitet. Er initiierte mit Matthias Leupold das Filmprojekt “Lighter Than Orange” und studiert im Moment Rechtswissenschaften an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder mit dem Schwerpunkt Internationales Recht.

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v.l.n.r.: Manfred Mohr, Humboldt Universität Berlin (Internat. Coalition to Ban Uranium Weapons); Prof. Dr. Christian Förster, Universität Heidelberg; Prof. Dr. Harald Koch, Humboldt Universität Berlin und Rostock; Christian Lahnstein, früher Münchner Rückversicherungsgesellschaft; Prof. Kenneth Feinberg, Rechtsanwalt, Feinberg Rozen, New York