Ein Monat Schule im Dorf der Freundschaft

Als frisch pensionierte Förderschullehrerin auf dem Weg nach Asien führte mich meine erste Etappe nach Hanoi ins “Dorf der Freundschaft”. Ich wollte gerne einen Monat lang meine Kenntnisse und Erfahrung in den Dienst der dortigen Schule stellen. Es war mir angesichts der beschränkten Zeit bewusst, dass es nur ein sandkorngroßes Stück an Unterstützung sein konnte und ich war gespannt, in welcher Weise ich aktiv werden könnte.

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Mit Rosemarie Mizo war im Vorfeld besprochen, dass meine Aufgabe in der methodischen Unterstützung der Lehrkräfte liegen könnte. Genaueres ließ sich vorab nicht eingrenzen. Da auch im Kontakt mit den Lehrerinnen Sprachbarrieren zu erwarten waren, wurde mir eine englischsprachige Studentin an die Seite gestellt. Sie zeigte hohes Engagement, Verständigkeit für meine Absichten und Findigkeit im Organisieren und Besorgen von Nötigem.

Nicht nur einmal sauste ich auf dem Rücksitz ihres Motorrades quer durch die Stadt, um Material für Arbeitsmittel zu finden.

Auch vom Leiter des Dorfes und anderen Mitarbeitern wurde mir jegliche Unterstützung zuteil, wofür ich ebenfalls sehr dankbar bin.

Ich wurde überaus herzlich aufgenommen. Ein Jeder mühte sich mit dem Namen Ingrid, ich hörte auf alle zweisilbigen i-Laute. Die Lehrkräfte zeigten sich interessiert und hatten offensichtlich den Wunsch nach Unterstützung. Bei einem Durchlauf durch die fünf Jahrgänge der “klassischen” Schule und die fünf Klassen der Berufsvorbereitung wurde deutlich, dass besonders in den erstgenannten Klassenverbänden die Anzahl von 13 bis 19 SchülerInnen mit sehr unterschiedlichem Förderbedarf bei nur einer Lehrkraft eine schier unlösbare Herausforderung darstellt. In einigen Klassen konnten durch die Mitarbeit von Volunteers Kinder mit hohem Unterstützungsbedarf gezielt begleitet und zeitweilig auch Einzel- und Gruppenunterricht angeboten werden. [...]

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Ich wollte mich auf die Entwicklung und Bereitstellung von differenziertem, möglichst vielseitigem Förder- und Arbeitsmaterial fokussieren und dessen Einsatz mit den Lehrerinnen besprechen. Das Material sollte möglichst allen Kinder eigenaktives und motivierendes Lernen mit allen Sinnen anbieten und langfristig die Lehrkraft entlasten bzw. für individuelle Lernbegleitung freier machen.

Gedacht, getan - der Materialvorrat der Schule wurde gesichtet, Nötiges besorgt und ein leerer Klassenraum zur viel besuchten Werkstatt, in der immer wieder neue Ideen entstanden, in der LehrerInnen zunehmend selbst Hand anlegten und auch einige der älteren Schüler begeistert mithalfen. Wünsche wurden entgegen genommen und bearbeitet. Immer wieder wurde “ausgeliefert” und erprobt.

Manche der Lernübungen waren basal angelegt, andere auf bereits abstrakterem Niveau und mit Selbstkontrollmöglichkeit. Das Prinzip der Selbstkontrolle war noch unbekannt und fand Interesse.

Am Ende der ersten Arbeitswoche wurde eine kurze Besprechung mit allen PädagogInnen anberaumt. Ich hatte mit Hilfe meiner Dolmetscherin die Möglichkeit, grundsätzlich zu meinem Vorhaben zu erzählen und die ersten exemplarischen Ergebnisse in ihren vielfältigen Einsatz- möglichkeiten zu demonstrieren.

Von da an wurden die Kontakte, die Gespräche, die Fragen gezielter. Besonders beliebt waren Memories, die Fotos der Schüler mit ihrem Namen und dem Anfangsbuchstaben kombinieren. Einige SchülerInnen haben damit flugs ihren Namen lesen gelernt. Daneben bereiteten wir Kletttafeln für Arbeitsanweisungen, Rezepte und Bildfolgen vor. Wir entwarfen Gruppenspiele, bei denen gezählt, gerechnet und natürlich auch gewonnen (und verloren) wurde und entwickelten Ideen für partnerschaftliche Lerngruppen, besorgten Material für Darstellung, Spiel und Wahrnehmung, für praktische Mathematik sowie Bilderreihen für die Begriffsbildung der nicht sprechenden SchülerInnen. Damit kann das Lernen etwas unabhängiger von der Person der Lehrkraft erfolgen und mehr Zeit für individuelle Hilfen eingesetzt werden. Die Kinder selbst sind in der Regel leicht für aktive Auseinandersetzung mit Material und Inhalt zu gewinnen und lernen dort am Meisten, wo sie Bedeutsamkeit für sich und Freude am Tun erleben.

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So vergingen im Wechselspiel zwischen Schulalltag und Werkstatt vier wunderbare Wochen in der Schulgemeinschaft des Dorfes, die mir mehr und mehr ans Herz wuchs. Am letzten Tag, es war schon kurz vor dem Neujahrsfest, feierten wir eine Schulparty, die von einigen Lehrerinnen und älteren SchülerInnen tatkräftig und mit viel Spaß vorbereitet wurde. Die Schulküche wurde zum Logistikzentrum, der Gymnastikraum zum Buffet. Die Düfte von Bananenkuchen und anderen Köstlichkeiten waberten schon seit Stunden ums Haus, es kamen immer mehr “Zaungäste!” zur Küche und wurden auf “später!” vertröstet. Das “Später!” wurde dann ein so fröhliches Schmausen, dass mir das Herz hüpfte. Mit großem Appetit und guter Laune wurde ein Riesenbuffet mit Früchten und Naschwerk leer gefuttert.

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Als dann alle aufgeräumt und die Küche wieder blank geputzt hatten, war der Moment des Abschiednehmens da. “Auf Wiedersehen!” - das ist wohl wörtlich zu nehmen. Wenn ich gesund bleibe, möchte ich den Faden, der gesponnen wurde, gerne wieder aufnehmen, vielleicht schon von zuhause aus. Es ist ja zunächst ein dünner, kurzer Faden, der aber länger und fester werden kann, davon bin ich überzeugt! Vielleicht spinnen Andere ihn mit und weiter? Diese Kinder und Jugendlichen sind großartig und die zugewandte Arbeit der LehrerInnen verdient Respekt und Unterstützung.

Ingrid Kurzawa-Do