taz 10.08.2011

50 Jahre nach erstem Einsatz in Vietnam

Neue Opfer von Agent Orange

Die USA verwendeten ab 1961 das dioxinhaltige Entlaubungsmittel, um dem Vietcong die Deckung zu nehmen. 150.000 Kinder leiden an den Spätfolgen.

Von SVEN HANSEN

BERLIN taz | Viele Wunden aus dem Krieg mit den USA seien verheilt, nicht aber die von Agent Orange, sagt Nguyen Van Rinh. Noch täglich fordere das im Vietnamkrieg von den USA eingesetzte krebserregende Entlaubungsmittel nicht nur Opfer unten denen, die damit zwischen 1961 und 1971 besprüht wurden. Sondern auch unter ihren Enkeln werden noch Babys mit schweren Behinderungen geboren. In Vietnam leiden 150.000 Kinder unter den Spätfolgen.

Rinh leitet Vietnams Vereinigung der Opfer von Agent Orange/Dixoin (Vafa) und sprach jetzt auf der 2. Opferkonferenz in Hanoi. Damit gedenkt Vietnam des Einsatzbeginns von Agent Orange durch die US-Armee, der sich am Mittwoch zum 50. Mal jährt. Mit dem über Südvietnams Dschungeln und Feldern versprühten Herbizid sollte dem Vietcong und Nordvietnams Soldaten die natürliche Deckung genommen werden.

Der Name des Gifts stammt von den orangefarbenen Banderolen um die sonst unmarkierten Chemiefässer. 80 Millionen Liter Herbizide wurden versprüht, meist Agent Orange. Dies entsprach 366 Kilogramm Dioxin. Bereits ein Milliardstel Gramm gilt als krebserregend.

Auf der Konferenz berichteten auch amerikanische und australische Veteranen, die ebenso zu Giftopfern wurden. Auch sie waren damals nicht über die Gefahren informiert. Bereits am Sonntag marschierten mehrere tausend Vietnamesen um den Thien-Quang-See im Zentrum Hanois, um ihre Solidarität mit den Opfern zu zeigen und die USA zu mehr Hilfe zu drängen.

70 Prozent der Opfer leben unter der Armutsgrenze

Laut Vafa-Chef Rhin gibt es in Vietnam mehr als 3 Millionen Agent-Orange-Opfer. Aber nur 200.000 bekämen eine kleine staatliche Unterstützung. 70 Prozent der Opfer leben unter der Armutsgrenze, ein Fünftel der betroffenen Familien zählt drei oder mehr Opfer.

"Wir brauchen dringend die Hilfe internationaler Freunde", sagte Gesundheitsministerin Nguyen Thim Kim Tien auf der Konferenz. Landesweit gibt es zwölf Rehabilitationszentren für die Opfer, darunter auch das von dem deutschen gleichnamigen Verein mitfinanzierte "Dorf der Freundschaft" bei Hanoi. Es war von dem früheren GI George Mizo initiiert worden, der selbst an Krebs starb.

Seine Witwe Rosemarie Höhn-Mizo berichtete der taz von der Konferenz: "Es ist für mich immer ein Riesenunterschied, mich in Deutschland mit diesem Thema zu beschäftigen und dann hier direkt konfrontiert zu sein mit dem, was es heißen kann, in Vietnam ein schwerbehindertes Kind ohne viel Unterstützung großzuziehen. Und es spricht sich anders über das Thema, wenn der Blick in der Diskussion hier auf einen Jungen fällt, der - ohne Arme - seelenruhig mit seinen Füßen auf einem Laptop mitschreibt."

Abgewiesene vietnamesische Klage gegen den USA

2004 hatten vietnamesische Opfer in den USA gegen 32 Chemiefirmen (darunter Monsanto und DOW-Chemical) geklagt, die einst Agent Orange hergestellt hatten. Die US-Regierung lehnte stets jede Entschädigung ab. Doch während sich 30.000 US-Veteranen schon 1984 mit den Chemiekonzernen auf 180 Millionen Dollar Entschädigung einigten, wurde die vietnamesische Klage 2009 letztinstanzlich abgewiesen.

Auch in Vietnam dauerte es lange, bis die Regierung eine Klage in den USA guthieß. Hanoi versprach sich von der Normalisierung der Beziehungen mit den USA mehr als von Entschädigungsklagen. Erst später setzte sich die Einsicht durch, dass das eine das andere nicht ausschließen muss. Die erfolglose Klage erhöhte zumindest den moralischen Druck.

2007 zahlten die USA erstmals drei Millionen Dollar für Untersuchungen. Inzwischen gibt es für dieses und nächstes Jahr 32 Millionen, um am Flughafen von Danang, wo die Giftfässer gelagert und verladen worden waren, den verseuchten Boden zu reinigen. Für die Opfer selbst sind nur 3 Millionen vorgesehen. 2010 bezifferte eine bilaterale Arbeitsgruppe einen zehnjährigen Aktionsplan mit 300 Millionen Dollar.

"Wir sind nicht so wichtig", lautete im vergangenen November beim Besuch einer taz-Leserreise im "Dorf der Freundschaft" der Tenor von Veteranen, die an Agent-Orange-Folgen leiden. "Aber wer kümmert sich um unsere behinderten Kinder, wenn wir bald sterben?"

(Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Autors. Link zum Originalartikel hier)