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Das Dorf der Freundschaft in Vietnam:
Engagierte aus sechs Ländern von vier Kontinenten – eine Idee

Von Rainer Hub

Stell Dir vor: Es war Krieg. Menschen verschiedener Länder bekämpften sich. Die Überlebten sind verwundet und traumatisiert. 20 Jahre später, lange bevor das Wirtschaftsembargo gegen Vietnam aufgehoben und das Land für Konzerne und Touristen interessant wurde, kamen Einzelne mit der Idee zurück “wir müssen in dem Land am südchinesischen Meer zusammen mit den einstigen Gegnern noch etwas Sinnvolles tun”: Eine Idee war geboren.

Engagierte machten den Anfang! So entstand ein Friedens- und Versöhnungsprojekt aus dem das “Dorf der Freundschaft” in Vietnam wurde. Aus einer zunächst kleiner gedachten Idee wurde etwas Großes: Im Mittelpunkt sollte das Gedenken an die Toten des Krieges dessen Opfer stehen. Bis heute, im 21. Jahrhundert, womöglich darüber hinaus, leiden Menschen an körperlichen und seelischen Wunden sowie an Spätfolgen des Krieges durch Einsatz biochemischer Substanzen. Das bekannteste: Agent Orange. Dessen Spätfolgen zeigen sich nicht nur bei den im Krieg direkt betroffenen Menschen verschiedener Nationalitäten (Vietnam, USA, Kanda, Japan und andere), sondern die Nahrungsmittel- und Grundwasserverseuchung führt bei der ersten, zweiten und dritten Generation Nachgeborener zu körperlichen, geistigen und seelischen Schädigungen.

Für sie ist 1998 das Dorf der Freundschaft bei Hanoi gegründet worden.Es bietet ca. 140 Kindern und Jugendlichen Schul- und Berufsbildungsmöglichkeiten, Krankengymnastik, medizinische Versorgung einschließlich Physio- und Wassertherapie und eine dezentrale Nachsorge, die sich noch im Aufbau befindet. 40 – 50 Personen bietet es darüber hinaus Rehabilitationsmöglichkeiten. Es ist eine Vorzeigeinrichtung für Menschen mit Behinderungen in Vietnam geworden. Der Beigeschmack: Die Nachfrage und der Bedarf übersteigen die Kapazitäten um ein Vielfaches.

Neben den im Dorf der Freundschaft hauptamtlich arbeitenden hauptsächlich vietnamesischen Menschen unterschiedlichster Profession engagieren sich jedes Jahr Dutzende Volunteers aus unterschiedlichen Ländern. Gemeinsam mit VietnamesInnen wird das Dorf von freiwillig Engagierten aus den USA, Kanada, Frankreich, Japan und Deutschland gestaltet.

Sie planen und organisieren die inhaltliche, bauliche und qualitative Weiterentwicklung und stellen Anträge für Fördermöglichkeiten. Bei internationalen Meetings treffen sie sich vor Ort, analysieren die zurückliegenden Weiterentwicklungen in Relation zu den Planungen und identifizieren die Ziele des vor ihnen liegenden Zeitraums. Ein anstrengendes aber spannendes Unterfangen.

Stell Dir vor: Engagierte aus sechs Ländern. Sie setzen sich für die gleiche Sache ein, sprechen aber nicht die gleiche Sprache. Da erklärt die Deutsche dem Amerikaner, was der Franzose sagte, der Japaner verstand und der Vietnamese meinte. Ist das geklärt, bleiben kulturelle Eigenheiten wie: Man verständigt sich das Meeting am nächsten Morgen um 9:00 Uhr fortzusetzen. Die VietnamesInnen sind um 8:30 Uhr da, wundern sich, dass sie alleine sind, bis um 8:45 Uhr die JapanerInnen und die Deutschen kurz vor 9:00 Uhr kommen, um bald mit den Augen zu rollen, da die AmerikanerInnen mal wieder zu spät kommen – um dann gemeinsam festzustellen, dass sie immer noch fünf bis zehn Minuten auf die französische Delegation warten müssen. Aber alle waren pünktlich. Dennoch stellen die VietnamesInnen interessanterweise fest: Langnasen haben Uhren, AsiatInnen Zeit. Engagement – auch als interkulturelles Lernfeld!

All diese Menschen aus den oben genannten Ländern führen in ihrer jeweiligen Heimat Veranstaltungen im Bereich der Öffentlichkeits- und insbesondere im Bereich der Bildungsarbeit durch, sensibilisieren dafür, was seit Jahrzehnten am anderen Ende der Welt geschieht und uns bis heute etwas angeht.

Warum ist dieses Engagement in Deutschland so wichtig? Zwar war es Deutschland in den 1950er- bis 1970er-Jahren aufgrund der weltpolitischen Situation nicht möglich, Truppen nach Vietnam zu entsenden, jedoch war die biochemische Industrie in der Lage, dioxinhaltige Stoffe zu produzieren, ohne die Agent Orange nicht möglich gewesen wäre und – in Westdeutschland – bereits marktwirtschaftlich so aufgestellt, damit viele Millionen DM zu verdienen.

Neben den Zeitspenden die freiwillig Engagierte einbringen, sind es zwar nicht Millionen aber mehrere Zehntausend Dollars und Euro, die unzählige Menschen weltweit durch Geldspenden zusammenbringen und die Idee des Dorfs der Freundschaft tagtäglich neu ermöglichen.

Ohne Engagierte hätte es das Dorf der Freundschaft nie gegeben. Ohne Engagierte würde es das Dorf der Freundschaft nicht geben. Neben der Gestaltung des Alltags und des Lebens ist es den Engagierten wichtig, dass der bei der Gründung grundlegende Gedanke von Frieden und Versöhnung leitend bleibt.

Zwar sind das Ende des Zweiten Vietnamkrieges und der Friedensvertrag von Paris 1975 mittlerweile 40 Jahre her, die Wunden aber schmerzen bis heute und auch noch Morgen und Übermorgen. Denn: “Only the dead have seen the end of war.” (Santayana)

www.dorfderfreundschaft.de

Rainer Hub

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